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Stadt und Bahn oder Die Auflösung der Städte

»Bahn und Zentrum stehen in einem unübersehbaren Konflikt. Die Orte stehen in Verbindung, denken die Bahn von sich aus. Die Bahn definiert sich nicht über Orte, sondern über das Dazwischen.«

von Gerhard Vinken

Alle Wege führen nach Rom. Die alte Stadt ist ein zentrierte Figur, Zentrum schlechthin. Die Umgehungsstraßen, die Périphériques umkreisen die Städte, betonen in der Wiederholung deren zentrierte Struktur, und negieren sie faktisch, weichen ihr aus. Stadt als Zentrum ist in der Moderne unterminiert und erodiert. Zum einen ganz konkret in der Auflösung ihrer Gestalt. Dieser Prozess setzt ein mit der Entfestigung der Städte, die Goethe danach nurmehr wie „große Flecken“ anmuten (Goethe: Wahlverwandtschaften). Die Stadtmauer begrenzt und umfängt die Stadt, setzt Innen und Außen ins Bild. Als eine Grenze, „von woher etwas sein Wesen beginnt“ (Heidegger: Bauen Wohnen Denken), formuliert die Mauer Stadt als „Innen“ im Sinne von schützenswert, wesentlich, eigen. „Außen“ bleibt das Fremde, das Andere. Die Entfestigung öffnet die Stadt nicht zu einer Versöhnung von Stadt und Land, eigenem und fremdem (Vinken: Altstadt als Konstruktion). Zum gefassten, umgrenzten Bild der alten Stadt wird das der neuen als Gegenbild gewonnen, im Guten wie im Schlechten. Die modere Stadt ist entgrenzt im Sinne von frei und offen – und im Sinne von formlos, wuchernd.

Die Zentriertheit der alten Stadt zerschellt zum anderen am neuen Raumparadigma, an ihrer Einordnung in den vermessenen und beherrschbaren euklidschen Raum. War Städtebau lange eine Frage von Gestalt und Gestaltung, wird sie im 19. Jahrhundert eine der Vermessung und Vermarktung: die Parzellierung wird Motor des Städtebaus (Benevolo: Geschichte der Architektur). Der moderne Städtebau versucht, die Konsequenzen aus der Krise der alten Stadt zu ziehen, Stadt vom euklidschen Raum her neu zu denken. Die Aufteilung des homogen gedachten Raums zu Funktionszonen soll neue Ordnung schaffen. Die hierarchisierte zentrierte Stadt wird abgelöst durch das moderne Prinzip der Reihung, das Nebeneinander der Zonen. Mit der Nivellierung von Zentrum und Peripherie ist der Weg frei für neue Stadtformen. Die weitreichenden Konsequenzen für die Struktur der Stadt zeigen sich aber nicht sofort. Der erste funktionalistische Entwurf einer Stadt, Le Corbusiers Zeitgenössische Stadt für 3 Millionen Einwohner (1922) ist strikt nach Funktionszonen gegliedert, die auch formal unterschiedlich gestaltet sind. Trotz des radikalen Ansatzes, Stadt ganz nach Funktionen zu denken, ist das Ergebnis in seiner zentrierten Form konventionell. Eine monumentale City aus gewaltigen Hochhäusern umgibt der Gürtel der Wohnviertel. Die Fabriken und Arbeitersiedlung sind weit draußen in der Peripherie angesiedelt. Ein neues Element, das die zentrierte Struktur sprengen wird, ist dem Entwurf aber unübersehbar eingeschrieben: die Bahn. Die zentrale Achse bildet das Rückgrat der Stadt als wahre Triumphstraße des Automobilverkehrs, die an ihren Eingängen von entsprechenden Bögen überfangen wird. Interessant ist die Herkunft des Motivs, das auf das geheime Vorbild dieser ersten, buchstäblich fordistischen Stadtanlage verweist: Fords Autowerke in Detroit mit dem zentralen Fließband als funktional wie formal prägendem Element (von Moos: Elemente einer Synthese).

Bahn und Zentrum stehen in einem unübersehbaren Konflikt. Die Orte stehen in Verbindung, denken die Bahn von sich aus. Die Bahn definiert sich nicht über Orte, sondern über das Dazwischen. Entwirft und zentriert der Ort den Raum auf sich, spannt die Bahn als Vektor den neuen neutralen Raum auf, sie ist sein Prinzip. Mit seinem nächsten bedeutenden Stadtentwurf, der Strahlenden Stadt (1935), hat Le Corbusier die Konsequenzen gezogen und seine Zeitgenössische Stadt in ein unendlich fortsetzbares Stadtband umformatiert. Die Bahn ist zum Prinzip der Stadt geworden. Die letzte Konsequenz dieser Überlegungen ist die Industrielle Bandstadt (1942/43). An einer zentralen, dem PKW-Verkehr vorbehaltenen Autobahn, die in einen breiten Grünstreifen eingebettet ist, reihen sich in lockerer Folge auf der einen Seite die Punkthochhäuser der Wohnungen sowie Freizeit- und Kultureinrichtungen. Auf der anderen verteilen sich die Industriezentren entlang der parallel zur Autobahn geführten Lastverkehrsbahnen (Kanal, Eisenbahn, Fernstrasse). Die zentralisierte Struktur der Stadt ist überwunden, und mit ihr alle Elemente, die Stadt traditionell aufruft, wie Dichte, Gestalt, Durchmischung. Verschwunden ist der Gegensatz von Stadt und Land, Innen und Außen. Kein Zentrum, keine Ränder. Eine zonierte, von der Bahn erschlossene Welt. Ein Verlust? Nicht die Utopie der Bandstadt hat sich durchgesetzt, die wie ihre Stiefschwester, die Gartenstadt, Stadt und Land versöhnen wollte (Fehl: Bandstadt). Auflockerung und Auflösung der Städte und die Zersiedlung des Landes hat die Qualitäten und Ressourcen beider dezimiert. Der Unwirtlichkeit verödeter Zentren entspricht die Formlosigkeit des Urban Sprawl, der soziale Wildwuchs der Peripherie. Gemessen an infrastrukturellen Parametern ist die ganze Schweiz bis zu den höchsten Hütten Stadt (Stadtland Schweiz).

Zentrale Stadtstrukturen haben, anders als von Le Corbusier vorhergesagt und erhofft, durch alle Krisen hindurch eine erstaunliche Lebens- und Wandlungsfähigkeit bewiesen. Das Beispiel des Ruhrgebiet, eine Region die mit herkömmlichen Stadtbegriffen kaum mehr zu fassen ist, kann indessen die Qualitäten neuer räumlicher Organisationsformen lehren. Ihre Strukturen zeigen teils Nähe zu Le Corbusiers industrieller Bandstadt: Ohne zentrale Struktur entlang den in West-Ost-Richtung verlaufenden Hauptverkehrslinien organisiert; ein loser, heterogener Verbund unterschiedlicher Räume. Diese Räume sind nun nicht die (entmischten und spezialisierten) Funktionszonen, von der die Moderne träumte. Es ist ein heterogenes, von Zufällen geprägtes, ungeplantes Gewebe, in dem sich neue und alte Kerne durchsetzen und überlagern mit Zonen unterschiedlichster Nutzung, Brachen und Resten aller Art.

Die Polyzentralität und die Heterogenität dieser Stadträume bietet neue Möglichkeiten. In der postindustriellen Phase tritt die Schwäche entmischter und spezialisierter Zonen zu Tage. Räume, die von eindeutigen Funktionszuweisungen her organisiert sind, werden bei wandelnder Nutzung sogleich überholt, nutzlos, falsch, leer. Heterotopien (Foucault: Andere Räume), Räume, die sich dem homogenisierenden Zugriff der Moderne entziehen, sind nicht nur Rückzugsorte, sondern ermöglichen Nutzungs- und Deutungsverschiebungen (Ubl: Raumskeptiker). Umgekehrt haben viele Anlagen nach dem Verlust ihrer industriellen Funktion eine sekundäre Funktion entwickelt. Zechen, Gasometer, Arbeitersiedlungen erhalten Bedeutung als kollektiv, raumprägende Bezugspunkte, an denen sich Werte wie kollektives Gedächtnis, Identität und Heimat anlagern können. Mehr Beachtung verdienen in diesem Zusammenhang die alten Kerne der städtischen Zentren. Dicht und vielfältig genutzt sind sie bedeutungsstarke Knoten in einer Region bedeutungsarmer Funktionsräume. Nicht Zentriertheit ist die wesentliche Qualität städtischer Räume, sondern Komplexität und Widersprüchlichkeit (Venturi: Komplexität und Widerspruch), Verdichtung und historische Resonanz. Ob Peripherie oder Zentrum, es geht darum, Orte zu schaffen, die dem Verschleiß und der Entleerung homogener Räume entzogen sind.

(Dr. Gerhard Vinken ist Kunsthistoriker, lehrte 2003-2006 Kunstgeschichte und Architekturtheorie an der RWTH Aachen)

Literatur:

  • Martin Heidegger, «Bauen Wohnen Denken», in: ders., Vorträge und Aufsätze, Pfullingen 1954, S. 139–156.
  • Gerhard Vinken: Altstadt als Konstruktion. Die Generierung der Altstadt im modernen Städtebau (in Vorbereitung).
  • Leonardo Benevolo: Geschichte der Architektur des 19.und 20. Jahrhunderts. Erster Band, München 1964.
  • Le Corbusier : Urbanisme, Paris 1925 (deutsch: Städtebau, Stuttgart 1929).
  • Ders. : La ville radieuse, Paris, 1935.
  • Stanislaus von Moos: Le Corbusier. Elemente einer Synthese, Frauenfeld/Stuttgart, 1968.
  • Gerhard Fehl (Hg.): Die Stadt wird in der Landschaft sein und die Landschaft in der Stadt : Bandstadt und Bandstruktur als Leitbilder des modernen Städtebaus / mit Beitr. von Wolfgang Istel und Werner Rings, Basel [u.a.] 1997 (Stadt, Planung, Geschichte 19).
  • Stadtland Schweiz : Untersuchungen und Fallstudien zur räumlichen Struktur und Entwicklung in der Schweiz (Hg.: Angelus Eisinger/Michel Schneider), Basel 2005.
  • Ralph Ubl: Raumskeptiker – Lefebvre und Augé, in: Texte zur Kunst 12/2002, Heft 47, S. 135-136.
  • Michel Foucault: Andere Räume, in: Martin Wentz (Hg.), Stadt-Räume, Frankfurt/New York: Campus, 1991.
  • Robert Venturi: Complexity and Contradiction in Architecture, New York 1966 (deutsch 1978).

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